Bild: (c) Christine Pichler 

 

 

Der peruanische Künstler Casanova Sorolla hat ein Faible für Kampfkunst. In seinen farbenprächtigen Bildern fusioniert er Tanz und Malerei.

 

05.12.2013 | 12:22 |  von Siobhán Geets  (Die Presse - Schaufenster)

 

Casanova Sorolla streicht noch ein letztes Mal über das Papier, das vor ihm auf dem Boden klebt, er streichelt es, stellt sicher, dass nicht der kleinste Schmutzkrümel darauf liegt. Dann trägt er die Farbe auf, lässt ockerfarbene Naturpigmente über ein langes Sieb auf das Papier rieseln. Was über den Rand fällt, entfernt er mit einem Staubsauger. Sorolla legt Musik auf, die Neunte Symphonie von Philip Glass, dann kann es losgehen. Richard Szabo, seit fünf Jahren Tänzer beim Wiener Staatsballett, stellt sich in perfekt gerader Körperhaltung vor das Papier, dann gibt Sorolla ihm ein Zeichen. Szabo macht einen kleinen Schritt in die Mitte der ocker gefleckten Oberfläche und vollführt eine Reihe zuvor einstudierter Ballettschritte. Nach weniger als einer Minute ist es vorbei, ein neues Werk ist entstanden: Wo Szabos Fußspitzen das Papier berührt haben, ist eine Spur entstanden, seine Bewegungen sind durch die Pigmente sichtbar geworden. 

Vom Wein zum Spitzentanz. Seit drei Jahren fängt Sorolla auf diese Weise die Bewegungen von Balletttänzern ein. „Meine Arbeiten ähneln langzeitbelichteten Fotografien“, sagt der Künstler. „Ich will die Diagramme der Körper sichtbar machen.“ Dabei arbeitet er ausschließlich mit professionellen Tänzern. Angefangen hat es mit Capoeira, jetzt lädt er Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts, des Royal Ballet London und des Wiener Konservatoriums zu sich ein. Sorolla: „Ich möchte mit Leuten arbeiten, die seit ihrer Kindheit tanzen, die einen ähnlichen Zugang zum Ballett haben wie ich zur Malerei.“  

Casanova Sorolla, geboren 1984 in Lima, zeichnet und malt, seit er denken kann. Seine klassische Ausbildung startet er als Achtjähriger, bald nimmt seine spanische Lehrerin ihn auch zum Erwachsenenunterricht mit. Als Teenager gewinnt er die ersten nationalen Preise, mit 15 Jahren kommt er das erste Mal nach Wien. Er besucht eine Polytechnische Schule, bis er sich mit 16 an der Akademie der bildenden Künste bewirbt – und aufgenommen wird. Elf Jahre studiert er, reist viel herum, lebt in Argentinien, Brasilien und Wien, er malt und organisiert Kunstprojekte. Eine Zeit lang experimentiert er mit Wein: große, realistische Bilder, liebevoll und detailverliebt. Ein Bild besteht aus 28 Kästchen, für jedes verwendet er eine andere Weinsorte. Man sieht es an den Farben: Rot, Blau oder Gräulichgelb. Seit seinem 19. Lebensjahr lebt er von der Kunst, der Malerei und seiner Arbeit als Grafikdesigner. 
/ Bild: (c) Christine Pichler 
Peru bezeichnet er immer noch als seine Heimat. Alle zwei Jahre fliegt er nach Lima, auch dort arbeitet er mit Tänzern zusammen. Peruanische Folklore, die sieht ganz anders aus als die weichen Kreise und Linien, die das Ballett hinterlässt. Am wildesten sind die Capoeira-Bilder: Dunkel und chaotisch breitet sich Schicht um Schicht schwarze Farbe über das Papier, bis kaum mehr Weißraum übrig ist. Damit hat alles angefangen. Sorolla trainiert seit seiner Kindheit Kampfsport, etwa Capoeira, eine brasilianische Kampfkunst, die an Hip-Hop erinnert, aber ihren Ursprung im afrikanischen Zebratanz (Nigolo) hat und von den Sklaven nach Brasilien gebracht wurde. Vor ein paar Jahren lernte Sorolla eine Ballerina kennen, die ihm andere Tänzerinnen und Tänzer vorstellte. „Ballett hat mich schon lange fasziniert“, sagt er. „Es ist für mich das Höchste, was der menschliche Körper erreichen kann. 
Es ist extrem anspruchsvoll, sieht aber so leicht aus.“ Bei einem Besuch im Trainingssaal des Staatsballetts sah er eines Tages die Linien auf dem Boden der Bühne. „Ich dachte: Das sind eingefangene Bewegungen, auf Linien übertragene Körpersprache.“ Er fing an, mit einem Tänzer zu üben: Sorolla wählte die Farben, der Tänzer bewegte sich frei, improvisierte, das einzige Limit war der Rand des Papiers. Das Tanzprojekt Signapura war geboren. „Meine Motivation ist, eine Idee physisch umzusetzen und sichtbar zu machen“, sagt Sorolla: „Es geht aber auch darum, mich mitzuteilen. Die Werke will ich teilen in Form von Videos und Fotos im Internet. Ein Bild allein kann zwar auch überzeugen, aber ich möchte die ganze Geschichte dahinter erzählen.“ Seit Kurzem hat er seinen eigenen Artspace im dritten Bezirk. Er sucht Künstler und Kuratoren, die ihre Ideen hier präsentieren wollen. „Ich habe einen 180 Quadratmeter großen Denk- und Projektraum und freue mich über jeden Künstler, der sich mit einer Idee bei mir meldet. Es wäre spannender, wenn hier zwei, drei Leute etwas zeigten.“

Symphonie in Ocker. Das Residency-Projekt Studios Das Weiße Haus hat Sorolla eingeladen. Er schickt  Tänzer über riesige Papierflächen, um verschiedene Tanzsprachen sichtbar machen als  Querschnitt der Ballettgeschichte, von „Romeo und Julia“ bis zur Moderne. Für Balletttänzer – wie Richard Szabo – ist die Arbeit mit Sorolla interessant, weil sie sich selbst einbringen können, während sie beim klassischen Ballett strengen Regeln folgen müssen. „Für uns ist der Körper auch Sprache, unsere Bewegungen erzählen eine Geschichte“, sagt Szabo und streift sich die ocker gefleckten Schuhe von den Füßen. Für diesen Abend hat Sorolla sich etwas Neues einfallen lassen: Eine Tänzerin soll Szabos Schritte auf dem Papier wiederholen und so seine Spuren übermalen. Diesmal wählt er ein starkes Rot. Für Maria Yakovleva, Erste Solistin beim Staatsballett, ist es das erste Mal. Szabo tanzt vor, während Yakovleva die Pigmente mit den Füßen ins Papier drückt. Dann zieht Sorolla das Klebeband ab und schüttelt die überschüssige Farbe vom Papier. Übrig bleiben präzise geschnittene Kreise und Linien: Die Bewegungen eines Tänzers und einer Tänzerin, ein Einzelstück, eine Momentaufnahme, die niemals wiederholt werden kann. Sorolla, schwarze Schlieren an den Händen, Farbe im Gesicht, ist glücklich. „Auf dem Papier“, sagt er, „bleiben diese Bewegungen für immer.“ 

 

 

 

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